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Aus dem Leben eines Armleuchters (von ihm selbst berichtet)

Was soll ich Euch mit langen Geschichten plagen. Ist's doch so, daß es mit zunehmendem Alter im Gesamten weniger über jemanden zu sagen gibt, derweil die Erfahrungen, Geschichtchen und Mären im Einzelnen umgekehrt in Zahl und Länge zunehmen.

Alles hub wohl damit an, daß ich es als schnellstes Spermium meiner Gruppe (und als einziges zudem) vollbrachte hatte, den langen Weg bis zum Klapperstorch zu wandern, ohne hierbei dem Vorbilde meines Vaters folgend der ehelichen Pflicht zufürderst unter vernehmlichen Schnarchen zu dienen. Etwas später muß ich wohl im Rauchfange an etwas hängengeblieben sein, denn das Licht der Welt beschien zufürderst meine Afterballen. Der Medicus bemerkte dereinst etwas von "Steißgeburt", was sich diesmal jedoch nicht auf mein Antlitz bezöge. Schon damals habe ich den Medicus nicht immer ganz verstanden. Vielleicht entsinne ich es auch nicht mehr so genau, denn es ist nun schon eine geraume Zeit her, und die Kraft meiner Erinnerung reicht oft nicht aus, alles wieder in meinen Schädel zu bringen.

Jedenfalls soll es just an jener Lage angelegentlich meiner Geburt gelegen haben, daß ich schon als Kindlein graues Haar gehabt. Meine liebe Amme, welche von Kurzsichtigkeit geplagt gewesen, hatte das neue Kindlein mit geübtem Griffe just so gepudert, wie sie es gelernt und seit je getan hatte. Derweil entging ihrem getrübten Auge, daß diesenfalls nahe der runden Bäckchen Ohren statt der Beinchen waren, während die Afterballen sich befanden, wo der Kopf hätte sein sollen. Das hat sich aber mit der Zeit gegeben.

Nach jener Begebenheit gibt es nicht mehr viel zu berichten, das der Erwähnung wert wäre, dahero ich es kurz zu sagen vermag. Eine geraume Zeit verbrachte ich damit, Kind zu sein. Dann kam die Zeit, da ich in der Klosterschule lernte, was für das spätere Leben vonnöten sei, und wieder war ich weit schneller als alle anderen. Nach nur einem Jahre hatte ich beisammen, wofür andere ein Vielfaches benötigten, wobei mir meine eine Gehirnzelle den Vorsprung mangels Masse bescherte und schon trat ich unter besonderer Empfehlung von Mutter Kirche in die Dienste des Grafen zu Hoya.

Das verantwortungsvolle Amt, mit welchem ich dort betraut gewesen, erforderte meine beständige und wache Nähe zum Grafen höchstselbst. So manches Jahr habe ich ihm als Pinkelpage gedient und ihm stets treulich die Stange gehalten.
Da ich meinen Dienst stets mit besonderer Wachsamkeit versah, erwarb ich mir auch alsbald schon einen Rufnamen, dahero ich mir angewönte, die dazu passende Kopfsocke im Bewußtsein meiner Amtswürde auch tags zu tragen. Zudem erwarb ich mir einen Beinamen. Indem ich nämlich auch zu später Stunde und in schweren Zeiten des Grafen Ziel stets in hellem Lichte ihm vor Augen führte, ward ich alsbald von ihm höchstpersönlich der Armleuchter beigenannt. Wahrlich, ich sage euch: Ich trug schwer an
Verantwortung, Eimer und Licht, zumal ich für diese drei nur der Händen zween hatte. Doch ich tug's stets heiteren Sinnes, denn immerhin die Mütze wiegt leicht.

Als ich alt genug geworden und dem Amte wie auch gräflichen Bedarf an Körpermaß längst entwachsen, beschloß mein Herr, mich als Armleuchter in die Welt zu entsenden, dieselbe zu erleuchten. Er gab dem Nachwuchs eine Gelegenheit zur Reifung, und mich gab er dem Schankweib zum Manne. Das gefällt mir seit dem ersten Tage gut. Seither ist meine Lieblingsfarbe Bier.

Das alles ist nun lange her, und es gäbe wohl manches noch zu erzählen, doch ist die Erinnerung daran etwas verschwommen. Die Zahl meiner eigenen Kinder hat sich meines Wissens seit den Tagen meiner Geburt nicht weiter vermehrt. Das betrübt mich wenig, denn nachbarlichem Vernehmen nach sollen meine Eltern mal eines gehabt haben, das ihnen Sorge, Plag und mancherlei Verdruß geschaffen, was mir erspart geblieben ist. Zudem habe ich des ohngeachtet auch ohnedies gar viele Enkel. Sollte die geläufige Anrede zutreffen, welche mir häufig zuteil wird, habe ich in fast jeder Familie welche. Dies träfe sich gut, da Enkel ja des Alters Stütze sind.

So bin ich auch schon fast in heutiger Zeit angelangt. Das Alter ist's, das mir wohl schon am längsten treu geblieben wäre, gäbe es da nicht noch mein liebes Weib, das mich zuweilen vom Medicus schätzen läßt. Ich ahnte ja gar nicht, wie weit ein einzelner Mensch zu zählen vermag. Doch ist dies anscheinend selbst beim Medicus begrenzt, denn in jüngster Zeit verlegt er sich aufs Raten. So riet er mir jüngst zu Moorbädern, aufdaß mir der erdige Geruch zuzeiten vertrauter würde. Der füge sich fürtrefflich mit dem fauligen, der ganz gut zum Ruch aus meinem Leumund passe. Manchentags verstehe ich den Medicus nicht sonderlich gut, doch ich glaube, das sagte ich bereits. Gestern schließlich hat mein liebes Weib mich gefragt, ob sie denn wirklich für mich kochen solle. Schließlich sei ungewiß, ob ich die Speisung noch erlebte. Das hat mir sehr behagt, denn anders als beim Medicus ist es mir an meinem Weibe wohl- vertraut, sie nicht zu verstehen.

Ja, ihr Lieben, dies ist also mein Leben, wie es gewesen und seitdem an jeden neuen Tage ist. Treulich verrichte ich noch immer meinen Dienst als der einzig wahre Armleuchter, und wie sich schon in Kindertagen zeigte, bin ich der erste Gähnforscher seiner Zeit. Mein Morgähn grüßt die Mittagssonne, mein Fotogähn ist sehr entwickelt, mein Homogähn eher minder, doch findet dies seinen Ausgleich in einem ausgeprägten Schlafengähn.

Des Armleuchters Kunde

Meines Lebens Spanne ließ mich dies ermessen: Armleuchtern ist die Einsamkeit fremd. Es gibt Armleuchter allenthalben, an allen Orten und in allen Ständen. Nicht jeder ist ein Pinkelpage. Bei Licht betrachtet, sind wir Armleuchter fast überall in der Mehrheit. Es ermangelt nur manchem noch an Mute, dieses Schicksals Fügung anzunehmen und froh zu bekennen. Dahero rufe ich euch zu:

"Armleuchter aller Länder, vereinigt euch!"
und alleweil ein gutes Herz und eine starke Leber.

Der Armleuchter wie der liebe Gott ihn schuf

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